Junge Menschen retten die Welt

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Bild: Zukunftsinstitut
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Interview mit dem Zukunftsinstitut:
Deutschland gilt weltweit als Umweltnation, Angela Merkel teils sogar als Klima-Kanzlerin. Dennoch arbeitet die deutsche Gesellschaft teils deutlich gegen die Umwelt. Würde alle Menschen der Welt so leben wie die Deutschen, dann bräuchten wir 3,2 Erden – ansonsten würden die Ressourcen nicht reichen. Kein Wunder, dass immer mehr in der Gesellschaft daher auf ihren Lebensstil achten. Aber ist das nur eine Momentaufnahme oder ein wahrer Zukunftstrend?

Tristan Horx vom Zukunftsinstitut hat uns genau diese Frage beantwortet. Für ihn „müssen große Unternehmen umdenke.“ Das passiert vor allem durch gesellschaftlichen Druck. Und den setzen junge Leute, vor allem die sogenannten Millennials.

Seit über zehn Jahren definiert das Zukunftsinstitut die Themen Umwelt und Natur unter dem Namen der Neo-Ökologie als Megatrend

„Die Vorstellung, dass künftig alle Unternehmen auf Prinzipien von Ethik und Nachhaltigkeit basieren, mag derzeit sehr visionär erscheinen. Mit dem Wertewandel der Gesellschaft erleben wir jedoch auch, dass eine 40-Stunden-Woche für einen als sinnentleert empfundenen Job nicht länger attraktiv ist.“, so Tristan Horx.Zero Waste – ein Thema, dass immer häufiger zu hören ist. Tristan Horx stellt fest, dass sich nicht nur Privatleute hinter diesem Lebensstil stehen, sondern sich ähnliche Entwicklungen auch auf Unternehmen auswirken: „[…] Das Thema wirkt sich allerdings zunehmend auch auf die Großkonzerne aus. Viele Supermärkte haben inzwischen Regale eingeführt, in denen sich Verbraucher ohne Verpackung Lebensmittel abfüllen können. Ähnlich wie es Regional-, Bio- oder Fair-Trade-Regale in den Supermärkten gibt, wird sich diese Form des Zero-Waste-Angebots künftig weiter etablieren.“ Eine Chance, große Mengen an Verpackungsmüll im Alltag ohne großen Aufwand zu vermeiden.

Vertikaler Wald in Mailand

Einige Unternehmen müssen sich auch aus wirtschaftlichen Gründen anpassen: Der Klimawandel zwingt zum Beispiel Landwirte zum Umdenken. Laut Zukunftsinstitut und Tristan Horx, stellen sie zum Beispiel von Mono– zu Mischkulturen um. So vermeiden sie Ernteverluste. Gepaart mit dem Trend der vertikalen Farmen und Gärten in Singapur, London oder Paris entsteht so ein gesünderes Umweltbild. „Landwirtschaft wird zunehmend zur Stadtwirtschaft.“

Tristan Horx, 25, ist mit der Trendforschung in der Zukunftsforscher-Familie Horx aufgewachsen. Er betreibt Zukunftsforschung aus Sicht der Jugend und kombiniert dabei Sozial- und Kulturanthropologie mit seinen Erfahrungen in einer immer komplexer werdenden Welt. Digitalisierung, Lifestyle, Globalisierung und Generationenwandel sind in seinen Vorträgen und den Gesprächen mit den Gästen seines Podcasts „Treffpunkt Zukunft“ ebenso Thema wie seine größte Leidenschaft: Die Zukunft von Politik und Medien.

Diese moderne Variante von Stadtbildern und das Umdenken der Wirtschaft können die Umwelt retten:„Eben dann, wenn Unternehmen die junge Generation sowohl als Arbeitnehmer als auch als wichtige Konsumenten sehen und beginnen umzudenken, kann etwas bewegt werden.“Plastik und Verpackungsmüll gehören dabei zu einem der wichtigen Möglichkeiten für jedermann, die Umwelt zu schützen. Verbot von Plastiktüten, die Diskussion über Verbote von Wattestäbchen und Strohhalmen – Politik und Gesellschaft geht große Schritte um ein nachhaltiges Leben zu führen.Tristan Horx sieht aber dennoch Probleme. „Egal wie plakativ Berichte über UnverpacktLäden sind, die Idee von alternativen Verpackungstools wie Bienenwachstücher oder medial wirksam das Verbannen von Plastiktüten aus Supermärkten ist, so wenig lassen sich viele Ansätze im Alltag der Menschen umsetzen. Die große Frage bei alternativen Plastikprodukten ist die Frage der Nachhaltigkeit. Bio-Plastik, oft aus Mais oder Zuckerrohr hergestellt, wird meist mit Pestiziden behandelt und rückt damit den Bio-Faktor in ein anderes Licht.“

Bild: www.original-unverpackt.de
Zum Video: Ein Tag ohne Plastik – wir haben den Selbstversuch gestartet

Tristan Horx und das Zukunftsinstitut benennen das afrikanische Land Ruanda als positiv Beispiel: Hier wurden schon vor Jahren jegliche Plastiktüten konsequent verboten – und so Alternativen geschaffen. Bis dahin ist das größte Problem, dass Umweltschutz zu teuer ist. „Jedoch werden Personen, die es sich schlichtweg nicht leisten können, mehr auszugeben, nicht aufgrund der Umwelt beginnen auf die Herkunft zu achten.“

Ein großes Problem, was nur die Gesellschaft zusammen mit der Politik ändern können. Und dann kommt die Menschheit vielleicht auch mit unserer Erde aus. Ein Vorbild können uns dabei andere Länder sein. Wenn auch Du deinen ökologischen Fußabdruck herausfinden willst, kannst du den hier ausrechnen.

Alle Fragen und Antworten des Interviews:

Umwelt & Natur: Sind das momentan Trendthemen?

Seit über zehn Jahren definiert das Zukunftsinstitut die Themen Umwelt und Natur unter dem Namen der Neo-Ökologie als Megatrend. Getragen von einem anwachsenden Umwelt- und Verantwortungsverständnis der Menschen entwickelte sich auf den Säulen von Ökonomie, Ökologie und Ethik eine neue Handlungsmoral, die mittlerweile unseren kompletten Alltag beeinflusst. Einer der stärksten Treiber des Megatrends ist die Notwendigkeit der Gesellschaft, auf die sich verändernden äußeren Umstände zu reagieren – ganz unabhängig der individuellen Haltung zu der Thematik. Was wir als Öko-Pragmatismus bezeichnen, betrifft unter anderem Landwirte, die von Monokulturen auf Mischkulturen oder auf ökologischen Landbau umstellen, um Ernteverluste zu umgehen. Es betrifft aber auch ganze Länder, die ihre Regionen und Destinationen im Sinne des Megatrends Neo-Ökologie ausrichten, um ihre Zukunft zu sichern.

Was bedeutet dieser Öko-Trend für unsere Zukunft?

Während zu Beginn die Themen Gesundheit, Umweltschutz, Ressourcenschonung und Corporate Social Responsibility im Vordergrund des Megatrends der Neo-Ökologie standen, erleben wir heute durch ihn die Disruption unseres globalen Wirtschaftssystems, nicht zuletzt stark beeinflusst durch technologische Entwicklungen sowie durch die Querkräfte der Megatrends New Work, Konnektivität und natürlich Globalisierung.

Geht der Trend zum Einkauf weniger verpackter oder sogar unverpackter, regionaler Lebensmittel?

Die Frage ist natürlich nach wie vor der Preis. Personen, die ein schon bestehendes Interesse an Bio und Umweltschutz haben, werden beim Lebensmitteleinkauf vermehrt darauf achten, lokale und möglichst spärlich verpackte Produkte zu kaufen. Jedoch werden Personen, die es sich schlichtweg nicht leisten können, mehr auszugeben, nicht aufgrund der Umwelt beginnen auf die Herkunft zu achten.

Zero Waste - ein Entwicklung, die immer bekannter und von vielen gelebt wird. Wie sehen Sie die Entwicklung? Wird das Thema auch in der Wirtschaft eine zunehmend größere Rolle? Ist es vielleicht sogar eine Chance?

Zero Waste wird zu einem immer interessanteren Geschäfts- und Arbeitsfeld und nicht nur von zahlreichen Start-Ups mit innovativen Lösungsideen aufgegriffen. In den vergangenen Jahren hat sich das Bemühen der Bevölkerung, Müll zu vermeiden gesteigert, jedoch fehlte es an alternativen Lösungen, die sich mit Unterwegskultur und Logistikbedarf der derzeit noch aktuellen Handelsketten vertragen. Das Thema wirkt sich allerdings zunehmend auch auf die Großkonzerne aus. Viele Supermärkte haben inzwischen Regale eingeführt, in denen sich Verbraucher ohne Verpackung Lebensmittel abfüllen können. Ähnlich wie es Regional-, Bio- oder Fair-Trade-Regale in den Supermärkten gibt, wird sich diese Form des Zero-Waste-Angebots künftig weiter etablieren. Ebenso haben auch die großen Sportmarken und Unternehmen aus dem Outdoor-Sektor begonnen zumindest eine Teilmenge ihrer Synthetikkleidung aus recycelten Fasern herzustellen.

Wird es in Zukunft nachhaltige Materialien geben, die Plastik Konkurrenz machen?

Das Thema Plastik brennt sich zunehmend in das Bewusstsein der Menschen ein. Doch egal wie plakativ Berichte über Unverpackt-Läden sind, die Idee von alternativen Verpackungstools wie Bienenwachstücher oder medial wirksam das Verbannen von Plastiktüten aus Supermärkten ist, so wenig lassen sich viele Ansätze im Alltag der Menschen umsetzen. Die zunehmende Mobilität und die Auswirkungen der Unterwegskultur machen es kompliziert, immer und überall entsprechende Beutel und Behälter dabei zu haben. Ein positives Beispiel ist hier Ruanda, dass durch ein Verbot der Nutzung von Plastiktüten, die hiesige Umwelt gravierend zum Positiven verändert hat. Die große Frage bei alternativen Plastikprodukten ist die Frage der Nachhaltigkeit. Bio-Plastik, oft aus Mais oder Zuckerrohr hergestellt, wird meist mit Pestiziden behandelt und rückt damit den Bio-Faktor in ein anderes Licht. Es gibt natürlich viele verschiedene Möglichkeiten, Dinge zu verpacken, wie beispielsweise mit dem Milchprotein Casein. Auch Verpackungen aus Laubblättern sind schon auf dem Markt, allerdings sind Alternativen, die vor allem nur für den Einweggebrauch angedacht sind relativ zweifelhaft.

Gegen Nachhaltigkeit steht der Trend der Individualisierung – wie kann man die Dinge zukünftig zusammenbringen?

Der Megatrend Individualisierung hat Phasen der narzisstischen Rebellion und der hedonistischen Exzesse durchlaufen. Nun tritt er in eine neue Rückkoppelung ein: vom Ego zum Selbst, von der Ich-Zentrierung zur Selbstwirksamkeit. Der wahre Individualist ist Teil eines viel größeren sozialen Prozesses. Er ist Verbündeter und Agent der gesellschaftlichen Komplexität. Und damit bekommt das Streben nach Individualität eine neue, fast spirituelle Richtung, die heute unter dem Schlagwort „Achtsamkeit“ verhandelt wird.

Immer mehr Menschen teilen ihr Hab & Gut, ob Auto oder Bohrmaschine: Wie steht es mit der Share-Econmy?

Die Sharing Economy wird sich in Zukunft stark transformieren, wenn individueller Besitz noch stärker in den Hintergrund tritt und Mieten zur Normalität wird. Für die junge Generation hat sich die Riege der Statussymbole verschoben, weg vom Besitz, hin zu dem Statussymbol Gesundheit. Die Xaas Branche (Anything-as-a-Service) ist der Sektor, dem Forbes ein jährliches Wachstum von 40% bis 2020 prognostiziert. Miet-Services für Computer, Laptops, Smartphones, Drohnen sind lukrative Geschäfte. Andere große Unternehmen werden folgen und ihre Produkte nicht mehr nur verkaufen, sondern vor allem verleihen, wie beispielsweise Ikea dies schon ankündigte.

Wie geht es zukünftig weiter? Wie sieht die Zukunft des Teilens aus?

Hier wird insbesondere die High-Tech-Industrie nicht länger durch den Megatrend verändert, sondern wird selbst Treiber der Entwicklung von Neo-Ökologie. Wachstumsmärkte der Green Tech-Branche, in denen hohes Potenzial und hoher Bedarf bestehen, sind jene nachhaltiger Mobilitätskonzepte. Nachhaltige Mobilität wird durch die fortschreitende Entwicklung des autonomen Fahrens ebenso gefördert wie durch die Etablierung und Professionalisierung von Carsharing-Angeboten. Nahezu alle Städte und noch stärker die ländlichen Regionen haben hier enormen Entwicklungsbedarf.

Wahlen werden oft von älteren Bevölkerungsschichten geprägt, Trends dagegen oft von Jungen - wer ist im Thema Umweltschutz der Vorreiter und wieso?

Um wirklich einen entscheidenden Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu gehen, müssen große Unternehmen umdenken. Social Enterprises haben einen hohen Stellenwert bei Millennials. Sie gründen sie nicht nur, um Sinn zu finden, sondern bevorzugen auch den Konsum bei ebensolchen. Die Vorstellung, dass künftig alle Unternehmen auf Prinzipien von Ethik und Nachhaltigkeit basieren, mag derzeit sehr visionär erscheinen. Mit dem Wertewandel der Gesellschaft erleben wir jedoch auch, dass eine 40-Stunden-Woche für einen als sinnentleert empfundenen Job nicht länger attraktiv ist. Arbeitgeber merken längst, dass nicht sie sich mehr die Angestellten aussuchen, sondern es zunehmend umgekehrt passiert. Viel Geld und Statusobjekte werden von neuem Luxus abgelöst: Zeit, Freiheit und Flexibilität sowie ein individueller Beitrag für Mensch, Tier und Umwelt. Die Zukunft der Sozialunternehmen liegt in der Vernetzung und Kollaboration. Das sind ebenfalls Werte und Ideale, die bei den Millennials hoch im Kurs stehen. Und eben dann, wenn Unternehmen die junge Generation sowohl als Arbeitnehmer als auch als wichtige Konsumenten sehen und beginnen umzudenken, kann etwas bewegt werden.

Wenn wir auf unsere Städte schauen: Wie glauben Sie, sieht eine nachhaltige und grüne Stadt in der Zukunft aus?

Das Thema des Urban Farming erhält durch technologische Innovationen neuen Antrieb. So wie sich die Landwirtschaft einst durch die Industrialisierung stark veränderte, erleben wir derzeit, getragen von Megatrends wie Urbanisierung, Gesundheit und Neo-Ökologie, einen neuen Wandel, deren Tragweite nicht nur für Agrikultur, sondern für die gesamte Nahrungsmittelproduktion immens sein wird. Jene industrialisierte Landwirtschaft wird über kurz oder lang von einer neuen Form abgelöst werden, die mit den Menschen vermehrt in die Städte zurückkehrt. Mindestens zehn Prozent der herkömmlichen Landwirtschaft kann durch in Städten angebaute Pflanzen ersetzt werden. Trends wie Vertical Farming in Singapur oder Underground Farms, 30 Meter unter der Erde in London werden sich auch auf andere Städte ausbreiten. Die „Land”wirtschaft wird zunehmend zur „Stadt“wirtschaft.

Was sind die großen Themen der nächsten 10 Jahre im Bereich des Umweltschutzes?

Die Diskussion zum Thema Umweltschutz und damit auch Klimaschutz wird einen grundlegenden Wandel erfahren. Die Vorstellung über die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt wird sich von der grünen zur blauen Ökologie verschieben. Der derzeitige Ansatz, der hauptsächlich über eine Schuld- und Verzichtslogik funktioniert übersieht einen wichtigen Aspekt. Wenn man den Ansatz der Cradle-to-Cradle-Bewegung nutzt, findet man hin zu einer gesunden Umwelt vor allem über die Verstärkung guter Ansätze und Lösungen, die Konsum nicht einfach verbieten, sondern ein flexibles, effektives System etablieren, das umwelt- und gesundheitsbezogene, wirtschaftliche und soziale Ziele vereint. Beim Thema Energiewirtschaft heißt das etwa, nicht nur auf Energieeffzienz-Maßnahmen zu setzen, sondern Alternativen zu suchen zu umweltschädlichen Optionen – die sich mit den erneuerbaren Energien bereits anbieten. Das ist der Weg von einer effizienzorientierten grünen Ökologie zu einer realistischen, effektivitätsorientierten blauen Ökologie.

Dieser Blogartikel wurde im Zusammenhang mit dem heldentag2018 veröffentlicht.

Quellen: